Der 3.Versuch von 1950-1953

In Übereinstimmung mit der Interessenlage der Sowjetregierung Stalins beschloss die Regierung der DDR 1950 den gemeinsamen Aufbau starker Marine-Streitkräfte im Ostseeraum als Folge der Nachkriegsentwicklung in Europa. Auf Dauer sollte, und das bereits fünf Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs, an der Nahtstelle zu den westlichen Besatzungszonen (später Nato und Warschauer Vertrag) eine politische und militärische Präsenz installiert werden, die nur ein Ziel verfolgte, die komplette Abrieglung der östlichen Ostsee vor westlichen Angriffsbestrebungen.

 

Laut dem " Zeuthener Protokoll " von 1952 waren für die Volkspolizei-See 139 Kriegsschiffe (darunter 14 U-Boote) geplant. Mit weiterhin benötigten Hilfsschiffen, einschließlich Schlepper, Eisbrecher, Versorgungsschiffe usw. verfügten die maritimen Polizeikräfte zur See laut diesem Protokoll bereits damals über einen Bestand von 314 Wasserfahrzeugen.

 

Das Sondergroßvorhaben „Rügenhafen“ wurde integraler Bestandteil der sowjetischen Militärdoktrin und demzufolge auch des später gegründeten gesamten Warschauer Paktes. Die Erarbeitung des „Generalplans Rügenhafen“- von Anbeginn durch sowjetische Militärbauberater begleitet - begann bereits im Herbst 1949 und wurde im Frühjahr 1950 umsetzungsbereit fertig gestellt. In diese Planungsvorbereitungen flossen zwangsläufig auch Erkenntnisse aus einstigen Bauplänen und andere Berechnungsunterlagen der ehemaligen Deutschen Kriegsmarine ein. Jene Beute-Unterlagen befanden sich in sowjetischer Hand, liegen heute in Moskau und sind gegenwärtig bis auf unbestimmte Zeit für eine Einsichtnahme nicht abrufbar. Die Koordinierung, den Ablauf und die Sicherung des Vorhabens lag in der Verantwortung des Innenministeriums in Berlin und eines russischen Beraterstabs mit Sitz in Sassnitz (ehemaliger Marinestützpunkt Dwasiden) sowie dem Generalauftragnehmer Bau-Union Nord Berlin mit Stützpunkten in Stralsund, Sagard und Glowe.

 

Auch die systematische Aufrüstung der Volkspolizei-See als Seestreitkraft (spätere NVA-Volksmarine) wurde forciert. Die DDR trat damit in die Phase einer langfristigen Militarisierung des Landes, die 40 Jahre Bestand hatte und schließlich mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 endete. Der enorme finanzielle, materielle und arbeitskräftemäßige Aufwand „Rügenhafen“ stand schon damals im völligen Widerspruch zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der auf den Aufbau des Sozialismus orientierten Deutschen Demokratischen Republik. Zur Absicherung des territorialen Großvorhabens waren umfangreiche Sicherungsparameter einzuhalten und umzusetzen. Diese Aufgaben übernahm das DDR-Innenministerium in Verbindung mit sowjetischen Beratern und eingesetzten Sicherungskräften der sowjetischen Marine und der kasernierten Volkspolizei. Eine mittragende Rolle spielte hierbei die SED-Kreisleitung Rügen mit ihrem Sitz in Bergen. Sie verhalf dazu, dem Großvorhaben weitgehend die erforderliche Plaungsfreiheiten einzuräumen und erarbeitete Vorlagen zur Umsetzung territorialer Maßnahmen für den Rügenhafenaufbau. Zur Schaffung von Baufreiheit und zur Sicherung der Vorhabenbereiche kam es deshalb auch in den betroffenen Ortschaften zu zwangsweise angeordneten Umsiedlungen von Einwohnern, teils mit und ohne Entschädigung der Betroffenen und ihres Eigentums an Grund und Boden, und das in Anbetracht der seit 1946 erst 4 bis 5 Jahre zurückliegenden durchgeführten Bodenreform im Ostteil Deutschlands. Allein aus Glowe und den für den Hafenbau betroffenen Anliegerorten sollten 1600 Einwohner (etwa 400 Familien) in andere Gegenden der Insel umgesiedelt werden. Etwa 172 Familien aus den Orten des Umfelds der Großbaustelle sollen innerhalb von 3 Tagen ihre Häuser räumen. Einige verließen bereits vor Ansetzung des angeordneten Umsiedlungstermins freiwillig ihre Wohnungen bzw. Wohnstätten. Die auch noch so akribisch und schnell geplante Umsiedlungsaktion wurde jedoch durch fehlenden Wohnraum auf der gesamten Insel Rügen weitgehend erschwert, um weiter Einwohner, speziell aus Glowe, zwangsumsiedeln zu können. Glowe sollte wegen seines Standortes an im Entstehen begriffenen militärischen Einrichtungen bis auf wenige Ausnahmen komplett geräumt werden. Die verbliebenen Wohnstätten sollten dann nur noch durch Angehörige von Armee und Polizei besetzt bzw. leitenden Militärs und ihren Familien vorbehalten bleiben (Dokumente über diese unsäglichen Zwangsumsiedlungsaktionen sind bislang in den Parteiarchiven der SED und im Militärarchiv Freiburg noch nicht allumfassend zugänglich).

 

Die Straße zwischen Ruschvitz und Juliusruh erhielt ab 1952 militärische Kontrollstellen mit Schlagbäumen und Wachhäuschen für die kasernierte Volkspolizei. Vorkontrollstellen gab es diesbezüglich auch schon am Rügendamm und in Lietzow. Einwohner oder Durchreisende benötigten ab 1952 zum Betreten der als Sperrzone deklarierten Territorien zwischen Glowe und Juliusruh einen Passierschein bzw. benötigten eine amtlich beglaubigte Aufenthalts- oder befristete Durchreiseerlaubnis. Die Kontrollstellen waren auch noch nach Einstellung der Bauarbeiten bis Juli 1953 vorhanden. In Polchow, am letzten Wochenendgrundstück der Bungalowzeile am Boddenufer in Richtung Weddeort (gelegen am ehemaligen geplanten Bahndamm/Gleiskörper für die Ringbahn), stand einer von zahlreichen hölzernen Wachtürmen (Betonfundamente heute noch sichtbar) ausgestattet mit Scheinwerfern, von wo aus bewaffnete Wachsoldaten vom sowjetischen Marinestützpunkt Sassnitz-Dwasieden die Vor-und Außensicherung des Baustellenterritoriums überwachten bzw. unter Kontrolle hielten. Ab dem Jahr 1953 war unter anderem sicherungsmäßig vorgesehen, dass das gesamte Areal zwischen Juliusruh/Breege, und vorerst bis hin nach Bobbin, durch einem mehr als 3 Meter hohen Stacheldrahtzaun mit in regelmäßigen Abständen versehenen Wachtürmen einzufrieden. Diese Maßnahme wurde aber nicht (mehr) umgesetzt.

 

Mit der Muskelkraft tausender Bauarbeiter und mit Einsatz russischer Erdbewegungstechnik sowie mit Hilfe eines installierten Systems an Lorenbahnen begannen 1951/52 die Aushubarbeiten für den Kanaldurchstich.Täglich arbeiteten auf der Baustelle insgesamt bis zu 15.000 Arbeitskräfte aus allen Gegenden und Gewerken der DDR, darunter ca. 3.000 bis 4.000 eigens dafür nach Glowe verbrachte Strafgefangene, die in einem mit Stacheldraht versehenen Haftlager untergebracht waren. Die Ortslage von Glowe verwandelte sich zwischen 1950 bis 1952 mit insgesamt 110 Holzgebäuden in eine riesige „Barackenstadt“. Es gab die Lagerstandorte A (zwischen Ortsmitte bis Wittower Heide), Lager B (zwischen heutigem Gemeindeamt bis Rügen Radio/beidseits der Hauptstraße) und später Lager C (bei Bobbin – heute Saurierpark). Im Lager B waren die Bauleitungen, Arbeiterunterkünfte, Sozialeinrichtungen, Arzt- und Krankenstationen, HO-Geschäfte, Gaststätten, Gewerke (z.B. Schmiedewerkstätten und Bautischlerein) und anderes mehr angesiedelt. Im Lager A (Waldsiedlung/Wittower Heide/Dünenresidenz/Dünenwaldpark) waren die Strafgefangenen und etwa 500 Wachkräfte sowie eine Hundestaffel der kasernierten Volkspolizei untergebracht.

 

Der „Rügenhafen“ (oder auch „Jasmund- bzw. propagandamäßig Friedenshafen“ genannt) sollte nach mehreren Etappen um 1966 die volle Arbeitskapazität erreichen. Die Projektanten planten daher zwischen Sagard, Neddesitz und Bobbin die sogenannte „Hafenstadt Jasmund“ für ca.100.000 und für später auch im Raum Ralswiek/Meuselvitz eine Wohnstätte für weitere 30.000 Menschen. Die Territorialplanungen enthielten bis ins Detail Angaben über die zu errichtende Infrastruktur, angefangen von Straßen- und Wegebau, Plätzen, Parkanlagen, Wohneinheiten, Versorgungseinrichtungen, Kindergärten, Schulen, Busverkehr mittels Oberleitungsbussen u.v.a. mehr. Eigens hierfür waren 1952/1953 großflächige, staatliche Bodenaufkäufe notwendig und wurden zum Teil auch schon umgesetzt wirksam.

 

Zur Straßenführung über den Kanal in Glowe gab es die Lösungsvarianten Dreh- oder Klappbrücke bzw. Tunnelbau. Letztere Variante war auch bei Glowe-Weddeort für die neue Eisenbahntrasse vorgesehen, einer sogenannte Ringbahn ab Abzweig Saiser/Borchtitz über Polchow, Glowe, Schaabe, Juliusruh/Breege, Wiek, Trent bis hin nach Bergen, eigens für den reibungslosen Transport des erforderlichen und anzusiedelnden Beschäftigungspersonals für den Rügenhafen. Zur Absicherung eines Teils der erforderlichen Stromversorgung entstand bereits 1950/1951 ein großes Umspannwerk bei Sagard-Vorwerk (Abzweig B 96 - nach Martinshafen). Ein großer Teil der eingesetzten sowjetischen Schreitbagger wurde damals noch mit Kraftstrom betrieben. Außerdem musste die Energieversorgung der Barackenstadt Glowe/Bobbin ebenfalls abgesichert werden.

 

 

Karte Generalplan Rügenhafen

mit Legende über die inselweiten Vorhaben

Karte folgt in Kürze

 

 

Während der am 13.Juni 1953 abgehaltenen Sondersitzung der DDR-Regierung wurde die Beschlussfassung über die sofortige Einstellung des Großbauvorhabens „Rügenhafen“ verabschiedet. Gleichzeitig mit der Maßgabe, ab 15.Juni 1953 mit den ersten personellen Ressort-Liquidierungen (Versetzung von Ingenieurpersonal aus den jeweiligen Baustellenleitungen) sowie in den wichtigsten territorialen Bereichen mit der Rückabwicklung und Beräumung der gesamten Großbaustelle zu beginnen. Eine Zusatzverordnung zum Regierungsbeschluss regelte die Organisierung und den Rückbau im gesamten Baustellenkomplex sowie die Rückführung bzw. die Umsetzung/Verteilung von Arbeitskräften auf andere DDR-Großbaustellen bis zum 19. August 1953.

 

Während der Geschehnisse um den 17.Juni 1953 blieben in den aufzulösenden Baustellenbereichen massive Arbeitsniederlegungen aus. Eine nicht bekannte Anzahl von Bau-Arbeitskräften der Baustellenbereiche und Strafgefangene wurden nach einer Flugblattaktion durch das Personal der kasernierten Volkspolizei getrennt und zeitweise voneinander isoliert untergebracht. Überliefert sind lokal und verdeckt stattgefundene Protesthandlungen, wie Fahnenabrisse und das Vernichten und Zertreten von Wandbildern des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck und des Sowjetführers Stalin. In einem Polizeiraport wurde festgehalten, dass etwa 250 Haftinsassen mit Fischerbooten bzw. mittels einer Fähre nach Schweden eine Massenflucht planten. Das Vorhaben konnte aber mangels an ausreichenden Fischerbooten nicht umgesetzt werden. Über diesbeüglich stattgefundene Polizeieinsätze gibt es bis heute keine überlieferten Hinweise. Allein die Präsenz jener auf der Großbaustelle mit Fahrzeugen kontrollierenden sowjetischen Militärangehörigen, in Verbindung mit Angehörigen der Wachmannschaften der kasernierten Volkspolizei, haben möglicherweise ernsthafte Auseinandersetzungen verhindert.

Mit den Arbeiten für die Baustellenauflösung/-beräumung und die schrittweise Rückführung von Strafgefangenen in andere Haftlager der DDR wurde erst nach den politischen Unruhen ab Mitte Juli 1953 begonnen. Einige Strafgefangene aus dem A-Lager in Glowe wurden zum befristeten Verbleib im C-Lager bei Bobbin untergebracht und noch einige Zeit für Rückbaumaßnahmen in den Baustellenbereichen benötigt. Die umfangreichen Materialtransporte von den territoriellen Baustellen erfolgten in alle Gegenden und Großbaustellen der DDR (Stralsund, Rostock, Wismar u.a.m.). Doch durch Entschädigungsansprüche der Glower Einwohner, Veruntreuungen, Fehlleitungen und Schiebereien, entstanden der Bau-Union Nord damals enorm hohe Kosten in Millionenhöhe. Die nun verwaisten Barackenlager mit kompletter Inventarausstattung wurden entweder abgerissen, verkauft oder sozialen Zwecken zugeführt. Ein Teil davon wurde der Gemeinde für dringend benötigten Wohnraum überlassen. Andere Baracken wurden auf Beschluss des Ministerrats Großbetrieben zum Ausbau als Erholungsstätte für Betriebsangehörige oder als Ferienlager für Kinder und Jugendliche übereignet (A- und B-Lager). Die letzten Baracken wurde 2013/2014 im Wohngebiet "Am Süßling" und in der Wittower Heide (ehemals in Verwendung der Pädagogischen Hochschule Potsdam) in Glowe abgerissen. In Wiek, die Kaufeinrichtung EDEKA, ist eine dieser ehemaligen Baracken, die heute allerdings nach kosmetischen Umbauten noch genutzt wird. Das C-Lager bei Bobbin wurde ab 1955 von der Hauptverwaltung Grenzpolizei als Unterkunfts- und Ausbildungsobjekt genutzt und bis zur Wende von der Volksmarine (Dranske-Bug) als Reserve- und Versorgungslager verwendet.

 

Auch gegenwärtig, also 63 Jahre nach Beendigung des Kanalbaugeschehens, findet man noch einige Relikte aus dieser Zeitperiode, wie zum Beispiel das Gebäude des heutigen Glower Bau- und Freizeitmarkts. In der sich dahinter befindliche Lagerhalle befand sich der ehemalige Lokschuppen und Reparaturstützpunkt für die Lorenbahnen der Baustellen. Noch heute sind im Lagerfußboden die einst eingebrachten Gleisschienen sichtbar. Mitten im Ferienbereich zwischen Dünenresidenz und dem Resort Dünenwald ist heute noch ein altes, sehr unansehliches Gebäude (wird als privates Ferienhaus genutzt) zu sehen. Dieses Gebäude nutzte damals die kasernierte Volkspolizei als Stützpunkt zur Versorgung des Wachhundbestands für das Straflager. Und wer den Landweg von dort in Richtung Glowe Weddeort nutzt, wird bei großer Aufmerksamkeit linkerhand einige langgezogene, mit Wasser gefüllte Restlöcher sehen, die alle im Zusammenhang mit dem damaligen Kanaldurchstich stehen. Bei einer Wanderung am Steilufer in Richtung Lohme gibt es eine Stelle, wo noch heute Teile des Gleiskörpers der Baustellen-Lorenbahn aus der Erde ragen, freigespült durch Meeresstürme mit hohem Wasser. In diesem buchtartig verlaufendenTeil, nur wenige hundert Meter vom Kap Königshörn entfernt, und wo sich eine Vielzahl großer Findlinge am bewachsenen Ufer und im Wasser befinden, war der seeseitige geplante Kanaldurchstich mit Molenbauten begonnen worden.

 

 

Ausschlaggebende Aspekte für die Einstellung des Großvorhabens „Rügenhafen“

 

  • Die komplizierten Wirtschaftsbedingungen der 1949 aus der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone heraus gegründeten DDR und ihrer bis dahin gezeigten ungenügenden Aufbau,- Arbeits- und Leistungsergebnisse, die allgemeine Unzufriedenheit mit der versorgungs- und lohnpolitischen Lage unter den Werktätigen sowie die Bestrebungen der Regierung, vorwiegend in den Industriebereichen die Akkordarbeit einzuführen.

 

  • Der Besuch von Rügens Großbaustelle durch eine Hand voll ranghoher sowjetischer Militärinspektoren im zeitigen Frühjahr 1953, also noch vor dem Tode Stalins, und deren Entscheidung und Entschluss über Sinn und Lebensfähigkeit des damals wohl europaweit größten Militärbauvorhabens.

 

  • Der veränderte politische-militärische Reformkurs der UdSSR bereits unmittelbar nach dem Tode Stalins und dem damit einhergehenden raschen Ende sowie Abrechnung mit der Stalin-Ära.

 

  • Der Beginn des systemübergreifenden militärisch-atomaren Raketenzeitalters mit seinen Auswirkungen auf die angestrebte und verfolgte Militärdoktrin der UdSSR und seiner noch in der Entwicklung stehenden osteuropäischen Verbündeten.

 

 

Für den „ Rügenhafen“, Aufbauzeitraum 1950-1966, bilanzierten die Planer einen geschätzten Kostenrahmen zwischen 6 und 10 Milliarden Deutsche Mark. Allein die Hälfte der Ausgaben hätten die militärischen Infrastrukturen verschlungen!

 

Hier endet „vorerst“ der geschichtliche Schnelldurchlauf über den dreimaligen, jeweils unvollendet gebliebenen „Rügenhafen“

 

(Autor: Uwe Lange / Glowe 2016)

 

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